Dissertation im Studiengang Architektur. Gutachter: Prof. Hartmut Frank, Prof. Dr. Harald Bodenschatz (TU Berlin).

»Keiner kennt Gustav Lüdecke.
Fallrekonstruktion eines Architekten in der ›zweiten Reihe‹«

Die Baugeschichte vermittelt nicht selten den Eindruck, dass ästhetische Paradigmenwechsel quasi von ganz allein und ereignisdeterminiert aufeinander folgen. Daraus leitet sich das durchweg statische Verständnis so genannter »Brüche« und »Kontinuitäten« her. Was aber, wenn alles im Wandel ist? Worauf es hinauslaufen könnte, wäre ein prozessualer Akt in eine offene Zukunft, in der sich die Autonomie der Architektur x-beliebig konstituiert.
Par excellence lässt sich dieser Frage anhand der Werkbiografie eines Architekten in der »zweiten Reihe« nachgehen, weil sie im Gegensatz zur »Heldenbiografie« noch nicht Teil der »großen Erzählung« (Lyotard) geworden ist. Gustav Lüdecke wurde 1890 in Erfurt geboren und wirkte als Architekt an der Gartenstadt Hellerau bei Dresden mit. Sein Œuvre ist als Fallrekonstruktion geradezu prädestiniert, weil es weit in das 20. Jahrhundert und damit über drei politische Systeme reicht. Insgesamt legt sich eine Entwurfshaltung über Lüdeckes Œuvre, das in seinem Pragmatismus besticht und sich jeder Hintergründigkeit entzieht. Er setzt ganz bewusst traditionelle und moderne Gestaltungselemente in seiner Architektur ein, die in ihrem Verhältnis zueinander weder einer Polarisierung unterliegen, noch einen linearen, chronologischen Verlauf nehmen. Trotz einer gewissen Verpflichtung auf Regionalismen, entwickelte Lüdecke aus traditionsreichen Gefügen durchaus moderne Gegenkonzepte. Für ihn war diese Ambivalenz keine Zerreißprobe, sondern Ausdruck einer ganzheitlichen Lebensreform.
Allein an diesem Architektenwerk lässt sich der Mythos der Moderne dekonstruieren, weil es neue Fragen aufwirft, mit denen bisherige Annahmen und Urteile einer grundsätzlichen Neubewertung unterzogen werden müssen. Vor allem stellt es eine Baugeschichte auf den Prüfstein, die zu sehr auf Ereignisse abhebt und ihre Erzählung überwiegend auf Paradigmen aufbaut, die gegenläufige Architektur- und Stadtentwicklungen verdecken.

Die Dissertation ist 2004 im Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur unter dem Titel »Im Schatten der Moderne. Fallrekonstruktion eines Architektenwerkes. Gustav Lüdecke 1880–1976« erschienen.